Das vergangene Jahr aus Sicht eines Webworkers. Ich bin froh, dass meine Domains (noch) nicht weg sind… Zuerst geht einer der größten europäischen Internet-Carrier KPNQwest Pleite, dann hat der 16-jährige Layth Ibrahim Pech und wird von Hewlett Packard abgemahnt und die Pannen beim Massenhoster Strato finden kein Ende.
Pleite macht Angst vor Daten-GAU
Ende Mai diesen Jahres schockierte uns die Meldung über die Pleite des Betreibers von Europas größtem Glasfasernetzwerk. KPNQwest, die auch Technikpartner des Berliner Webhosters Strato waren, sei hoch verschuldet und gebe auf, berichtet die Presse. Schnell werden Horrorszenarien von Experten entwickelt. Mit der Abschaltung des KPNQwest-Netztes drohe Europa ein Daten-GAU.
Die Zitterpartie zog sich über Wochen hinweg. Immer wieder wurde die Abschaltung des Netzes aufgeschoben. Mitarbeiter besetzten sogar eine Schaltzentrale, um die “Katastrophe” zu verhindern. Immer neue Schreckensmeldungen, wie mit der Abschaltung gingen ein Drittel des deutschen Mittelstandes offline, preschten durch die Newsticker.
Stratos Konkurrent 1&1 bereitete sich schadensfroh auf einen Kundenstrom vor und trieb den Preis für das Karlsruher Rechenzentrum der insolventen KPNQwest, welches alle Strato-Kundenpräsenzen beherrbergt, in die Höhe.
Während dessen versuchen die Insolvenzverwalter mit Abschalt-Drohungen, das Netzwerk in Teilen zu verkaufen. Am Ende blieb wegen Geldmangels keine andere Möglichkeit mehr. Man konnte die drohende Katastrophe nicht mehr abwenden. Das europäische Internet hatte seine erste, in diesem Maßstab noch nie dagewesene Bewährungsprobe zu bestehen. Wochen nach den ersten Meldungen und mit unter stündlich verbreiteten Eilmeldungen wurden erste Teile des Glasfaserrings abgeschaltet und wie der Großteil aller Netze “billig” verkauft.
Im Endeffekt wurde im Fall KPNQwest von allen Seiten aus viel Rauch um nichts gemacht. Auch ohne das vollständige Netz gab es kaum spürbare Probleme. Es gingen weder signifikant größere Datenmengen als sonst verloren, noch brach die interkontinentale Verbindung zwischen den USA und Europa zusammen. Der vorhergesagte Daten-GAU blieb aus, obwohl ein weiterer amerikanischer Carrier KPNQwest folgte. Auch WorldCom trug anscheinend zu den unerwarteten Überkapazitäten im Internet bei und überlebte die “natürliche” Auslese nicht.
Hat Goliath Pech und zieht den Kürzeren?
Die Pleite von KPNQwest zog weite Kreise. So hatte zum Beispiel die DENIC, die Verwaltung der deutschen Top-Level-Domain (TLD) “.de”, das Pech einen Teil ihrer Namensserver, die bisher von KPNQwest betreut wurden, umsiedeln zu müssen. Dabei stellte sich jedoch die sogenannte und auch dieses Jahr wieder heiß umstrittene Internet-Regierung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) in den Weg. Sie verweigerte die für den Einsatz neuer Namensserver nötigen Änderungen im Root-System, dem sogenannten Rückrad des Internets. Mit lächerlichen Begründungen verwehrte die ICANN der DENIC die Änderungen.
Erst nach dem bisher “größten Hackangriff der Geschichte” auf die Root-Server der ICANN kam diese wieder zur Vernunft und lenkte überraschend ein. Eine gebundelte Flut an Datenmüll hatte neun von dreizehn der für das Internet wichtigsten Server kurzfristig lahmgelegt und niemand hat etwas davon gemerkt.
An den Kragen ging die ICANN auch den durch die Internet-Community gewählten Direktoren. Die Nutzerbeteiligung wurde in diesem Jahr kurzer Hand wieder abgeschafft. Dafür wächst der Einfluss der Wirtschafts- und Regierungsvertreter. Die ICANN macht ihrem Ruf als Internet-Regierung also im vollem Maße Ehre. Vorsichtshalber seilt sich der, der sich für all diese Schritte eingesetzt hat, schonmal langsam ab. Präsident Stuart Lynn und sein Vize gaben bereits Ende Mai ihren baldigen Rücktritt bekannt. Noch wird munter weiterregiert. Die Präsidentschaftsnachfolge ist seither auch ungeklärt.
Auch abzuwarten bleibt, ob die restlichen Direktoren über kurz oder lang nicht auch Ihr Mandat abgeben dürfen. Der Vertrag zwischen dem US-Handelsministerium und der ICANN bzgl. der Verwaltung der Namensräume im Internet wurde nur bis einschließlich 2003 verlängert.
Vor dem möglichen Ende als Internet-Regierung greift die ICANN jedoch nochmal hart durch. Domains mit falschem Kontaktdaten in der WHOIS-Datenbank mussten von einer Vielzahl Hostern gelöscht werden. Inhaber, die also Ihre persönliche Anschrift zum Beispiel vor Spammern schützen wollten, verloren innerhalb von fünfzehn Tagen Ihre Domains. Das beste ist, jeder kann jeden “anschwärzen”. Die neue, innovative Meldestelle für möglicherweise falsche WHOIS-Daten, ermöglicht es jedem innerhalb von 15 Tagen an belegte Domains heranzukommen. Ist der Inhaber zum Beispiel gerade im Urlaub und kann der Aufforderung einer Stellungnahme nicht fristgemäß innerhalb von fünfzehn Tagen nachkommen, verliert er seine Domain.
Diesmal verliert David, Pech gehabt!
Seine Domains verliert auch der 16-jährige Layth Ibrahim aus Karlsruhe, der seit einiger Zeit recht erfolgreich ein uns ähnliches Webmaster-Portal betrieb. Sein Pech war nur, dass er sich den vermeintlich falschen Namen für sein Projekt aussuchte. Ibrahim eröffnete eine “Homepage-Welt” und weil Englisch cooler ist, hieß es also “Homepage-World”. Da “Homepage” aber noch recht lang ist, entschied er sich für die gängige Abkürzung “HP”. Also reservierte er sich die Domains “hp-world.de” und “hp-world.com”.
Dummerweise betreibt ein Lizenznehmer des IT-Unternehmen Hewlett Packard, kurz “HP”, eine gleichnamige Messe. Auf der “HP-World” werden jedoch nicht Tipps und Tricks zum Homepagebau gegeben, sondern eher Druckerzubehör usw. vorgestellt. Da sich Hewlett Packard als Inhaber der international geschützten Wortmarke “HP” offensichtlich im Recht fühlte, mahnte man den Betreiber der “Homepage-Welt” anscheinend ohne weitere Recherche von höhster Stelle aus ab. Zugestellt wurde die Abmahnung an Layth Ibrahim, der jedoch als Minderjähriger noch gar nicht vollständig haftbar ist.
Eine leider etwas zu kleine Welle der Empörung folgte. Zumindest renomierte Online- und kleine Fernseh-Redaktionen nahmen sich dem Fall an. Es wurde Geld gesammelt, Anwälte unterstützten den Schüler und doch hat es alles nichts genützt. Hewlett Packard will die Domains und droht mit dem Weg vor Gericht, den sich der Realschüler nicht leisten kann.
Zumindest die Abmahngebühren von über 1000 Euro wolle man dem 16-jährigen großzügig erlassen, dafür dass man ihm sein über Monate mit viel Fleiß aufgezogenes Internetprojekt verbieten will. Die Seite musste zwischenzeitlich und im Endeffekt auch endgültig geschlossen werden. Einen Neuanfang will sich der sonst vom Internet begeisterte Jugendliche erstmal nicht zutrauen.
Wieder einmal haben uns die “Großen” bewiesen, dass es auch einen von uns jederzeit unverhofft treffen kann. Ist es denn wirklich so weit ausgeholt “Homepage” mit “HP” abzukürzen? Die hunderten Beispiele die im Zuge der Berichterstattungen gebracht wurden, belehren uns eines besseren. “HP” wird unter Fans zum Beispiel auch als Abkürzung für “Harry Potter” genutzt. Noch mehr Jugendliche, die auf ihre Abmahnung warten dürfen?
Pannenzirkus: Mit Millionen Kundendomains jonglieren
Die “kleinen” Webmaster haben es also in diesem Jahr mal wieder schwer gehabt. Wehe auch dem, der seine Website beim “Billighoster” Strato gelagert hat. Nach einer nicht abreißen wollenden Pannenserie im letzten Jahr, folgte auch Anfang diesen Jahres eine Panne nach der anderen. Da alle Kundenpräsenzen in einem Rechenzentrum gehostet sind, was bei dieser Art von Angeboten nicht ungewöhnlich ist, fallen auch ungewöhnlich viele aus, wenn es zu ernsten Problemen kommt. Da sind dann also mal eben rund 200.000 Websites offline und das nicht nur stundenlang. Wer Pech hatte, musste aufgrund der Pannen im Rechenzentrum mehrere Tage auf seine Website verzichten.
Wer sich da beschwert, wird durch die mangelhafte Informationspolitik noch weiter gebeutelt. Als es Strato zu bunt wurde, verbesserte man den Support, indem man das Kundenforum abschaffte und durch eine allgemeine FAQ ersetzte. Die Reihen des eigens zum Wohle der Kunden einberufene Kundenbeirats lichteten sich schon zuvor mit dem Vorwurf, dass Strato an einer weiteren Zusammenarbeit mit einem Kundenbeirat nicht mehr interessiert sei.
Aber wie das so bei den “Großen” ist: Hat man erstmal eine bestimmte Masse an Kunden erlangt, muss man sich nicht mehr um sie kümmern, weil die meisten zu faul sind zu kündigen. Also bleibt Strato zusammen mit dem kaum besseren Konkurrenten weiter Marktführer. Gerüchte des vorherigen Jahres, die beiden würden sich zusammentun bewahrheiteten sich nicht. Viel lieber stritt man sich, wie auch schon zu Beginn erwähnt, um das Strato-Rechenzentrum. Zu guter letzt streitet Starto noch mit der DENIC über den Umzug der rund 1,4 Millionen Kundendomains, weg vom Pleitegeier KPNQwest. Die geschätzen 3 Millionen Euro KK-Gebühren will man sich sparen, nachdem die Domains beinahe abgeschaltet wurden. Strato soll schon ein Jahr vor der Insolvenz des Technikpartners einen entsprechenden Vertrag auslaufen lassen haben. Ohne kurzfristige rechtliche Mittel, hätten die Strato-Domains sonst “auf der Straße” gestanden. Manche können es sich halt leisten…
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(CBS | 28.12.02)


