Mehr Regierungseinfluss, keine Beteiligung der Internetnutzer mehr und möglicherweise drei neue Top-Level-Domains – so lautet das Fazit des Treffens der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) vergangene Woche im chinesischen Shanghai.
Die Vorstandssitze der direkt von den Internetusern (sogenannte “At large”) gewählten Direktoren, darunter ICANN-Kritiker wie Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club oder Karl Auerbach, werden demnach ersatzlos gestrichen. Wachsen wird dagegen der Einfluss des Regierungsbeirats (GAC), in dem nationale Regierungsvertreter repräsentiert sind. Vordergründig beschränkt sich dies zwar auf alle Angelegenheiten von “öffentlichem Interesse”, dabei handelt es sich aber erkennbar um einen Begriff mit viel Spielraum für Auslegung. Das Sekretariat des GAC wird von der Europäischen Kommission gestellt werden, womit auch deren Einfluss zunehmen wird. Praktisch wird damit das Ende von ICANN als privater Einrichtung eingeläutet, was aber aufgrund der erheblichen Streitigkeiten um die Legitimation ICANNs kein Nachteil sein muss.
ICANN-Chef Stuart Lynn schlug zudem die Schaffung von drei neuen Top-Level-Domains (TLD) vor. Er räumte aber ein, dass es derzeit keinerlei konkrete Pläne gebe, wann diese neuen Endungen eingeführt werden könnten und um welche es sich dabei handle. In Betracht kommen in erster Linie Bewerber der ersten Einführungsrunde im Jahr 2000, deren Anträge formal nicht abgelehnt wurden, sondern lediglich nicht genehmigt werden konnten. Klar ist aber in jedem Fall, dass ICANN intern bereits über die Erweiterung des Kreises von Top-Level-Domains gedacht hat.
Weiter wird ICANN alsbald in konkrete Verhandlungen mit dem US-Registrar VeriSign treten, um den sogenannten Waiting List Service (WLS) anbieten zu können. Dieser Service soll den aufgrund der Vertragsbesonderheiten vor allem in den USA möglichen versehentlichen Verlust von Domains durch Nichtzahlung der Gebühren verhindern.
Links zum Thema:
ICANN
ICANNWatch
salon.com
heise.de
domain-recht.de
united-domains.de
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Alles zur ICANN
(Gast | 07.11.02)



Als ich die erste Hälfte des Artikels hatte dachte ich sofort an den Ausbau der Macht der Regierungen, wie Sie es auch erwähnt haben. Aber mein zweiter Gedanke war sofort: “Schlimmer kann’s ja eh nicht mehr werden”, wie Sie ja selbst sagen.
Inwieweit die Aktion mit den neuen TLDs noch ausgeführt werden kann, werden doch sowieso die privaten Sitze gestrichen, ist fraglich, da die Regierungen bestimmt andere Interessen haben.
.bund?? ;D
Jonas
Ob nun .shop, .web oder .bund – zumindest hat ICANN-Boss Lynn damit erstmals öffentlich gemacht, dass neue TLDs sehr wohl möglich sind. Angesichts der Begleitumstände bei der Geburt anderer neuer TLDs wie .biz ist das keine Selbstverständlichkeit.
Und wenn sich ICANN um die wirklich wichtigen Dinge kümmern kann, anstatt in Grabenkämpfen um die Veröffentlichung von Unterlagen zu kämpfen, dann ist uns in jedem Fall geholfen.
RA Daniel Dingeldey
In meinen Augen ist trotz der möglichen Vorteile der ICANN-Reform die Abschaffung der Nutzervertretung lange nicht gerechtfertigt.
Meines Erachtens nach wurde die Handlungsfähigkeit der ICANN nicht durch die Demokratisierung eingeschränkt, sondern durch den politischen Einfluss auf die Entscheidungen, welcher nun steigt. Dies wird die ICANN weiter lähmen.
Meine ausführliche Meinung zu diesem Thema ist auch in meiner Kolumne “Internet ohne Nutzerbeteiligung” (von Mitte März) nachzulesen:
http://all4homepages.de/?rubrik=magazin&thema=atlarge
Anlehnend an die politische Diskussion sei auch meine Kolumne “Wem gehört das Internet?” (von Mai) genannt. ;-)
http://all4homepages.de/?rubrik=magazin&thema=icann
Letzte Änderung von Christian Boris Schmidt am 07.11.02, 20:36.